Hürden vor der Auswanderung
(von Markus Weidenbach)
Die Wanderung von ganzen Bevölkerungsscharen stellte für den Staat und fürs Gemeinwohl schon immer ein großes Problem dar. Wenn zu viele Einwohner ihr Land verlassen, kommt die Wirtschaft zum Erliegen, die militärische Macht wird geschwächt, und die sozialen Strukturen und Netzwerke brechen zusammen. Wenn zu viele Zuwanderer in ein Land strömen, verliert das Land seine Fähigkeit, die Immigranten zu integrieren und für Beschäftigung und soziale Sicherung zu sorgen. Unterschiede in der Sprache, der Religion und der Kultur können diese Effekte verstärken.
Deshalb haben die Behörden immer versucht, die Strömungen zu kontrollieren, sowohl bei der Immigration als auch bei der Emigration. Dabei war die Einführung finanzieller Hürden ein probates Mittel. Ein weiteres, traditionelles Mittel besteht darin, daß die Einwohner Untertanen waren. Für US-Amerikaner ist das recht schwierig zu verstehen, weil die USA von Beginn an keine Untertanen hatten (aufgrund der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung 1776). Die Bürger stehen in keiner Abhängigkeit von einem Souverän, ausgenommen was ihr Pflichten als Bürger angeht.
Dahingegen gab es in Europa eine starke Abhängigkeit der Einwohner über viele Jahrhunderte. Erst in der Französischen Revolution (1789) wurde der Begriff "Bürger" definiert, man gewann eine neue Vorstellung vom Individuum und stellte eine Liste von unveräußerlichen Menschenrechten zusammen. Als die Franzosen den größten Teil Europas eroberten (1794-1812), wurden die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über die französische Grenze hinaus transportiert.
Vor 1800 waren die deutschen Staaten ziemlich erfinderisch, wenn es um die Kontrolle von Bevölkerungszügen ging. Die Erlaubnis, das Land zu verlassen, wurde nur bewilligt, wenn man folgende Dokumente vorweisen konnte:
- die Quittung über die Zahlung des 'Abzugsgeldes' oder des 'Hundertsten Pfennigs' (eine Art Sondersteuer für Ausreisewillige)
- die Quittung über die Zahlung des 'Losgeldes' (eine Art Entschädigung dafür, daß der Landesherr einen Untertan verlor)
- der 'Auswanderungs-Konsens' (die offizielle staatliche Einverständnis zur Auswanderung, mit einer Belehrung über den Verlust aller Bürgerrechte)
- die 'Ausbürgerung' (die Erklärung über den Verlust der Staatsbürgerschaft und den Verlust des Status als Untertan)
- der 'Passierschein' (eine Art Ausweis oder Reiseerlaubnis, womit man durch fremde Länder reisen konnte)
Um die Erlaubnis zu bekommen, sich in einer Gegend oder in einer Stadt niederzulassen, waren vor 1800 in Deutschland folgende Dokumente erforderlich:
- der 'Geburtsbrief', ein Geburtsschein aus der Heimatpfarrei, der die eheliche Geburt bewies; ein illegitim geborenes Kind konnte in einer Stadt kein Bürgerrecht erwerben.
- das 'Bürgergeld' oder 'Einzugsgeld' (eine Gebühr für die Niederlassung; manchmal in Verbindung mit Sachleistungen, z.B. eine Feuerleiter oder ein lederner Eimer)
- der 'Leumundbrief' oder eine 'Bescheinigung über das Wohlverhalten' (ein Schein, der von der Heimat-Behörde ausgestellt wurde, worin das "anständige" soziale, politische und moralische Benehmen über mehrere Jahre versichert wurde)
- der 'Gesellenbrief' oder irgendeine andere Bescheinigung über den ehrenhaften Beruf (z.B. nicht Schinder, Henker, Abdecker)
Es ist vorstellbar, warum die große Auswanderungswelle der Deutschen in Richtung USA erst in den 1820ern begann. Aber das 19. Jh. brachte einige andere, wirtschaftliche und politische Ursachen zu Tage, die vor 1800 nicht gegeben waren. So wurde die Verlockung immer größer, in die USA auszuwandern, und jedes Jahr verließen Tausende Deutsche ihr Heimatland. Viele von ihnen hatten keine Papiere bei sich, sie machten sich einfach "aus dem Staube". Zu der Zeit gab es zahlreiche "blinde Passagiere", weshalb es oft sehr schwierig ist, ihren Weg in die Neue Welt zu verfolgen.