Julius
Seifen
Jüdische
Familien in Mehren
Mehren,
einst ein zentraler Ort für Handel und Wandel im vorderen Westerwald, hat in den letzten Jahrzehnten
nicht unerheblich an Bedeutung verloren. Wenn auch die Gemeinde in den vorausgegangenen
Jahren im Dorfverschönerungswettbewerb beachtliche Erfolge erzielen konnte, so
kann dieses Ereignis nicht die am Anfang dieses Jahrhunderts und im vorhergehenden
Jahrhundert gesunde gesamtwirtschaftliche Struktur der Gemeinde ersetzen.
Hier
waren neben einem landwirtschaftlich geprägten Dorf fast alle mittelständig gewerblich
orientierten Betriebe vorhanden. Es mag sein, dass durch die dann aufkommende
Motorisierung und die Lage fern von allen wichtigen Verkehrsadern die weitere
Entwicklung der Gemeinde gehemmt wurde. Einen geradezu vernichtenden Schlag erhielt
Mehren durch die vor einigen Jahren erfolgte Schließung der jahrhundertealten
Posthalterstelle - so nannte man in früheren Zeiten eine Poststelle - und die
damit verbundene Stillegung der alten Poststraße Altenkirchen-Weyerbusch-Mehren. Dies
Strecke wurde täglich von einer Postkutsche, bespannt mit zwei Pferden, befahren.
Über die alte Mehrener Geschichte soll später
berichtet werden.
Nicht
zuletzt hatten am damaligen gesamtwirtschaftlichen Leben in Mehren drei hier
ansässige jüdische Familien einen nicht unbedeutenden Anteil. Wo sich damals
Juden ansiedelten, da musste es sich lohnen, da wollte man leben können. Hier
soll nun versucht werden, näher auf diese Familien einzugehen und dieselben zu
ergründen.
In
der Ortsmitte, rechts der Dorfstraße mit Blick zur Kirche, wohnte die Familie
David, genannt „der Scheif“ (wegen seiner schiefen
Haltung). Neben einem ausgedehnten Viehhandel war noch eine eigene Schlächterei
vorhanden. Jede Woche wurde geschlachtet. Ein eigenes Ladengeschäft gab es
nicht, Fleisch und Wurstwaren wurden dem Verbraucher direkt ins Haus geliefert.
Das Geschäft florierte gut in einem weiträumigen Einzugsgebiet.
Nach
altem jüdischen Glauben musste das im eigenen Haushalt verzehrte Fleisch „koscher“
sein, d.h. das zu schlachtende Tier durfte nicht betäubt werden und der Tötungsvorgang
wurde mit den Worten: „Unser Vater Abraham, der dem Vieh das Leben nahm, er hachte net, er stachte net, er schnitt,
schnitt, schnitt!“ vollzogen.
Die
Familie David war eine große Familie mit vielen Kindern. Eine Tochter mit Namen
Rosa hat noch während des Nazi-Reiches, natürlich streng inkognito, Freunde und
Bekannte in ihrer alten Heimat Mehren besucht. Noch vor dem Ersten Weltkrieg
ist die Familie nach Altenkirchen verzogen. Ihr Haus in Mehren wurde erst vor
einigen Jahren abgerissen.
Unmittelbar
an der Westseite des Friedhofes stand das Anwesen der Familie Isack, genannt „de dicke Isack“.
Auch er betrieb einen schwunghaften Viehhandel; daneben hatte er noch ein Textilwarengeschäft.
Im Frühjahr 1906 wurde das Anwesen durch Blitzschlag eingeäschert und brannte
bis auf die Grundmauern nieder. Ein etwas abseits stehender Schuppen stand noch
bi vor einigen Jahren. Auch die Familie Isack verzog
dann ebenfalls nach Altenkirchen.
Ihr
gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte der Bruder Simon Isack, ebenfalls Viehhändler. Die Familie Simon Isack hatte zwei Kinder, Tochter Thekla und Sohn Leo, der
im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Damit hat auch eine
jüdische Familie in Mehren ihren Blutanteil für das damalige Deutsche Reich erbracht.
Nach dem Krieg zog die Familie ebenfalls nach Altenkirchen.
Das
Anwesen Simon Isack ist im Mehrener
Raum unter dem Namen „Leisersch Haus“ auch heute noch
bekannt, der Chronist weiß noch davon. Haus, Stall und Scheune sind noch
erhalten, das Wohnhaus bewohnt und die übrigen Gebäude benutzt.
Somit waren alle
jüdischen Familien in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der
Gemeinde Mehren voll integriert. Ihr hohes Ansehen unter ihren Glaubensbrüdern
wurde dadurch bewiesen, dass in Mehren schon im vorigen Jahrhundert eine
Judenschule errichtet wurde. Diese war - so sehr man darüber erstaunt sein mag
- in einem christlichen Haus untergebracht. Im Laufe der Zeit wechselte man,
aus irgendwelchen Gründen, in ein anderes, ebenfalls christliches Haus über.
Die Räume sind dem Autor bekannt, sollen aber aus bestimmten Gründen hier
nicht veröffentlicht werden.
So
kamen am Sabbattag in Scharen Menschen jüdischen Glaubens aus der näheren und weiteren
Umgegend, so aus Flammersfeld, Oberlahr, Steimel u.a. nach Mehren zur Feier des Sabbatfestes.
Der gut florierende
Viehhandel brachte es mit sich, dass jeden Montag ein Transport Tiere nach Steimel zum Markt in Marsch gesetzt wurde, der dienstags stattfand.
Kraftfahrzeuge gab es noch nicht, und so musste der weite Weg eben zu Fuß
zurückgelegt werden. Verkehrsmäßig war das damals kein Problem. Das Ziel war,
montags die Stallungen der Gastwirtschaft Reusch in Niederwambach
zu erreichen, dort zu übernachten, um dann am nächsten Tag in der Frühe den Steimeler Markt zu beschicken.
Es soll hier nicht
unerwähnt bleiben, dass bei einer Beerdigung die jüdischen Frauen nur bis zum
ersten Wasserlauf hinter dem Sarg hergehen durften, sie mussten dann umkehren und
waren somit bei der Grablegung des Toten nicht zugegen. So konnte es geschehen,
dass bei einer Beerdigung nur Männer anwesend waren.
Ebenfalls
muss gesagt werden, dass in der sogenannten „Reichsknstallnacht“ 1938, als in Altenkirchen die Synagoge
und andere jüdische Geschäfte und Eigentum zerstört wurden, auch
Nationalsozialisten aus Mehren mit dabei waren.
An dieser Stelle wird nun zum ersten Mal über die
Geschichte und das Leben Mehrener Bürger jüdischen
Glaubens berichtet, was in keiner Chronik und Niederschrift über das Dorf
Mehren bisher veröffentlicht wurde.

aus:
Heimat-Jahrbuch des Kreises Altenkirchen (Westerwald) und der angrenzenden Gemeinden
1986, 198-199, Altenkirchen 1985. - hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Kreisheimatvereins Altenkirchen -