Rückerother Juden
von Wilfried Göbler


Bei einer Reise nach Israel und der anschließenden Beschäftigung mit der jüdischen Kultur entstand mein Wunsch, etwas über die früheren Juden meiner Heimat, Rückeroth, zu erfahren.

Ich hoffte anfangs, dabei etwas mehr über „Fremde“ unseres Ortes in Erfahrung zu bringen. Doch statt „Exoten“ zu entdecken, lernte ich Rückerother Bürger kennen, die so wie ich den Ort als ihre Heimat betrachteten und sich als Westerwälder und Deutsche ansahen.

Nur hinsichtlich ihrer Religion blickten sie auf viel ältere Wurzeln zurück, als Christen es tun können.

Die Quellen über die Rückerother Juden sind sehr spärlich. Rückeroth bildete auch zu keiner Zeit eine selbständige jüdische Gemeinde. Die Rückerother Juden gehörten zur jüdischen Gemeinde Selters, wo sich auch ihre Synagoge (1850 bis 10.11.1938 1) befand und auch ihr Friedhof.

In Selters sind Juden erstmals im 16. Jahrhundert fassbar 2. Und es ist davon auszugehen, dass es vor dieser Zeit in Rückeroth keine Juden gegeben hat.

1742 ist aber in Dreifelden, das bis 1756 zusammen mit Steinebach/Wied, Langenbaum, Schmidthahn, Seeburg und Linden zum Rückerother Kirchspiel gehörte, ein Jude namens Meyer Münck beurkundet. Der Namensbestandteil Münck weist auf eine Sippenzugehörigkeit hin. Andere Schreibweisen des Namens sind Minck, Münk oder Munich 3.

In Rückeroth ist 1749 die Familie des Jud Schimen erstmals belegt 4. Er ist Händler von Beruf, vermutlich Tuchhändler. Jud Schimen musste zu dieser Zeit, wie auch andere Juden und jüdische Familien im Kirchspiel Rückeroth, 4 Gulden und 36 Albus Schutzgeld bezahlen.

1762 und 1764 bezahlte ein Jud namens Mordgen zu Rückeroth ein Schutzgeld von je 8 Gulden.

Und 1765 war es Jud Gombel Moses (Gombrich) zu Rückeroth, der ein Schutzgeld von 8 Gulden an die Obrigkeit abzuführen hatte.

Im Jahre 1768 stirbt in Rückeroth der Jud Meyer. 1796 zahlt zwar ein Rückerother Jude 6 Gulden Schutzgeld, doch sein Name ist nicht vermerkt. Es war offenbar der einzige Schutzgeld zahlende Jude in Rückeroth.

Erst 1798 und 1799 ist wieder beurkundet, dass Jud Heym/Hayem und Jud Abraham zu Rückeroth Schutzgelder zahlen.

Von 1805 an hat es vermutlich etliche Jahre im Kirchspiel Rückeroth (dazu zählen nach 1756 neben Rückeroth selbst, die Orte und Wohnsiedlungen Goddert, Steinen mit Strasse, Stahlhofen, Schönerlen, Fischhausen und Kautenmühle) keine Juden mehr gegeben 5.

Von 1817 an (bis 1874) wurde aufgrund einer Vorschrift der Herzoglich-Nassauischen Landesregierung ein Zivilstandsregister geführt, in dem sich nunmehr, und zwar im Unterschied zum gleichzeitig geführten Kirchenbuch, auch familienkundliche Daten jüdischer Familien im Kirchspiel befinden.

Ausweislich dieser Quellen wohnte im Jahre 1835 in Rückeroth die jüdische Familie Schey Haium, ein zu Rückeroth geborener Handelsmann und seine Ehefrau Esther David, eine aus Grenzhausen stammende Tochter jüdischer Eltern.

Dem Ehepaar wurden in Rückeroth folgende Kinder geboren:
Toby * 25.03.1835,
Herz * 22.09.1838,
David * 02.04.1843 und
Büche * 15.03.1841.

Der beurkundende Pfarrer verwendet bei den Geburtseintragungen der Kinder sowohl den Namen Schey als auch Haium als selbständige Familiennamen.

Ab 1841 musste die Familie Schey Haium aufgrund einer landesherrschaftlichen Anordnung ihren jüdisch-hebräischen Familiennamen in „Rückersberg“ umbenennen 6.

Im Zivilstandsregister ist diese Namensänderung kurz mit „gesetzlich Familiennamen Rückersberg angenommen“ vermerkt.

Nachkommen dieser Familie lassen sich in Rückeroth bis in die jüngste Vergangenheit zurückverfolgen:

Zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wohnte in Rückeroth die Familie Rückersberg in einem Haus, das heute die Adresse „Am Hamm 2“ hat.

Haus Am Hamm 2

Die Familie betrieb einen kleinen Krämerladen. Es handelte sich bei der Familie um Max Rückersberg und Ehefrau Jenny 7. Zwischen 1911 und 1913 wurden dem Ehepaar in Rückeroth zwei Söhne geboren, und zwar Lothar und Kurt. Beide erlernten ein Handwerk: Lothar wurde Schuster, wie sein Vater Max, und Kurt wurde Gärtner. Allen Familienangehörigen gelang während des sog. Dritten Reiches noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieges die Flucht ins Ausland.

Lothar Rückersberg wanderte 1933 als 23jähriger über Holland nach Kapstadt/Südafrika aus 8. Seine Eltern kamen später nach. Sie starben auch in Südafrika. Lothar Rückersberg blieb „bei seinen Leisten“, indem er auch in Südafrika dem Schusterhandwerk treu blieb. Er heiratete eine aus Deutschland ausgewanderte Jüdin. Dreimal kehrte er nach dem Krieg in seine ehemalige Heimat Rückeroth zurück; 1995 ein letztes Mal als 84jähriger in Begleitung seines Sohnes Michael auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde.

Beide, Lothar Rückersberg und Sohn Michael, nahmen in der evangelischen Kirche zu Rückeroth am Versöhnungsgottesdienst aus Anlass des Gemeindefestes teil und gestalteten durch ihre Wortbeiträge den Gottesdienst mit.

Im August 1996 verstarb Lothar Rückersberg in seiner neuen Heimat Kapstadt 9.

Doch der Familienname Rückersberg ist bis heute im Westerwald noch gegenwärtig.

Nur wenige Hinweise beziehen sich auf eine weitere jüdische Familie in Rückeroth zwischen 1900 und etwa 1920. Es handelte sich um ein zu dieser Zeit schon betagtes Paar (Ehepaar?) Munich und Regine 10. Letztere überlebte ihren Mann und starb etwa 1920. Beide bewohnten in Rückeroth ein Haus im Oberdorf, heute Herschbacher Weg 9.

Haus Herschbacher Weg 9

Mehr ist leider nicht bekannt.

Quellen:
1. Vgl. Westerwälder Zeitung Nr. 234 vom 08.10.1996, S. 8
2. Vgl. Jungbluth, U.: „Landjuden in Selters/Westerwald“ in Nass. Ann, Bd. 108/1997
3. Vgl. Jungbluth, U.: Brief vom 17.03.1997 an den Verf.
4. Vgl. ebd.
5. Vgl. ebd.
6. Mitteilung von Dekan i. R. Heinrich Görnert, Gießen, 1997
7. Mündliche Mitteilung von Wilhelm Göbler, Rückeroth, 1997
8. Vgl. Westerwälder Zeitung Nr. 212 vom 12.09.1995, S. 13
9. Vgl. Gemeindebrief II/1996 der Evangelischen Kirchengemeinde Rückeroth
10. Mündliche Mitteilung von Wilhelm Göbler, Rückeroth, 1997"

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